Hans-Blumenberg-Gesellschaft

Workshop | Weltenphilologie. Modelle, Konstitutionen, Figurationen globaler Lesbarkeit

Seit noch nicht allzu langer Zeit hat die Selbstbefragung der philologischen Praxis auch den Begriff der Welt in den Blick genommen. Einsatzpunkt für die Frage nach der Welt der Philologie ist dabei in der Regel das – problematische – Konzept der Weltliteratur. So hat etwa David Damrosch aufgezeigt, dass die Fassung von Texten als weltliterarisch weiterhin eine Trias möglicher Bedeutungsebenen des Literarischen auf globaler Ebene evoziert: ob als Kanon klassischer Werke diverser Kulturen, als Sammlung herausragender Meisterwerke von besonderer, aber gleichwertiger Qualität oder schließlich als Übersicht über die Vielfalt von literarischen Formen und Entwürfen, die verschiedene „Fenster auf Welt“ darstellen (Damrosch 2003). In der Folge hat Pheng Cheah die Fragwürdigkeit dieser Welt in ihrer einfachsten Form, „What is a World?“, zum Titel seiner Betrachtung gemacht, die ausgehend von Heideggers Weltbegriff in Sein und Zeit das Kompositum theoretisch neu fassen und zugleich mit einer politischen resp. ethischen Agenda versehen will (Cheah 2016). Derart rückt die Debatte um die Weltliteratur zum ersten Teil des Kompositums und fragt, welche Form von Welt hier eigentlich gemeint sei – und wie diese sich zum Literarischen verhalte. In diesem Sinne hat auch Henning Trüper jüngst gefordert, dass der Diskurs über das Globale der Literatur sich “mit vorgängigen Auslegungen des Begriffs von Welt in der Philologie auseinandersetzen sollte”, um sich nicht “unversehens in Abhängigkeit von Metaphern wie jenen des Weltmarkts und der Weltwirtschaft wiederzufinden” (Trüper 2018).
Dem in diesem Caveat angedeuteten metaphorologischen Ansatz verschreibt sich der geplante Workshop. Untersucht werden soll, wie philologische Praktiken Welten formen resp. wie die Philologie als Modell retroaktiver Beschreibungen von Welt und Schöpfung verwendet wird. Auerbachs Überlegungen zur Philologie der Weltliteratur (Auerbach 1952) erlauben es, den Fokus von der weltkonstitutiven Rolle der Literatur auf die Philologie zu verschieben: Wie trägt weniger das Literarische als die Philologie zur Entstehung der Welt und der Welten bei? Ins Zentrum des Interesses rückt mit dieser Fragestellung etwa die ,Transzendentalphilologie‘, die Johann Georg Hamann in seiner Aesthetica in nuce (1762) entworfen hat: eine in der Praxis des Sammelns und Auslegens sich konkretisierende Arbeit am irreparabel versehrten Schöpfungstext. Autoren wie Auerbach und Hamann bieten Ansätze für eine solche philologietheoretische Betrachtung von Welterzeugungen (Goodman 1984): Praktiken der Kollation, Evaluation, Übersetzung, Adaption und Zirkulation sind zwar zuvorderst Arbeit an und in Texten, dienen aber zugleich als Bilder des Global-Werdens der Literatur – philologische Verfahren stützen so eine „Welt“, die als „absolute Metapher“ (Blumenberg 1960) erst durch die Übertragungen verständlich wird. Die paradigmatische „Lesbarkeit der Welt“ (Blumenberg 1981) stellt dabei nur eine der Varianten vor, wie Konzepte von Welt zur Orientierung an philologischen oder philologie-ähnlichen Metaphern und Begriffen entwickelt werden.

Der Workshop findet vom 3. bis zum 5. September 2020 an der Freien Universität Berlin statt.