Trouvaillen

 

INFEKTION ALS ABSOLUTE METAPHER

Der Begriff der Infektion gibt an, in welcher Richtung wir uns für sie interessieren. Der Infizierte ist in seiner Integrität verletzt, sie muß wiederhergestellt werden.

Der Infektor bleibt dabei im Glacis der Festung liegen. Es geschieht ihm recht, er ist nicht das ‚Opfer‘ der Abwehr in irgendeinem vernünftigen Sinn.

Vorweggenommen wird diese Direktion des theoretischen Blicks in der großen Bazillenpanik um die Jahrhundertwende. Ihrer gerechten Empörung gegen die aggressive Unterwelt der Unsichtbaren konnte kein Mittel scharf genug, keine Prozedur pedantisch genug in ihrer Strenge sein. Entsprechend der Steigerung des Kampfsinnes waren die Triumphe, zu deren Benennung das Wort ‚Ausrottung‘ – der Pest, der Cholera, des Typhus, der Venerica – gerade recht war. Als die Pocken auf der ganzen Welt erloschen waren, wurde noch einmal von ‚Ausrottung‘ gesprochen – aber die Skepsis über die Endgültigkeit des Errungenen schwelte längst. Denn die Welt der ‚Erreger‘ erwies sich als listig, verschlagen, gewandt, lernfähig – ein Gegner, der unterschätzt worden war, als man ihn auf blindwütige Verderblichkeit festgelegt hatte.

Dieser Gedankenweg mag sich so ausnehmen, als solle die ‚Idee‘ des Artenschutzes, mit der sich der eifrigste der Omnivoren das Gewissen bessert, nach unten, ins Mikrobielle und Molekulare, erweitert werden – auch im Hinblick darauf, daß im Zuge der niedermähenden Vernichtungen durch Hygiene und Asepsis auch die wohltätigen Besiedler der Därme und Epidermien ausgelöscht wurden und oft mühsam wieder aufgezüchtet werden mußten. Doch will ich den Gedanken des Artenschutzes nicht soweit strapazieren.

Worauf es aber doch wohl ankommt, ist der theoretische Schaden, der durch die einseitige Richtungsdominanz des Infektionsbegriffs entstanden ist: Die Mikroben, die nach dem Titel eines berühmten Buches ‚gejagt‘ wurden, entzogen sich der Beobachtung nicht nur im instrumentell-optischen Sinne ihres Namens. Sie blieben unbeachtet in ihrer Funktionsweise, solange nur das tote Mikrobium ein gutes war. Bis gegen das Ende des zweiten Jahrtausends und des glorreichen Jahrhunderts der Infektionsabwehr wurden die Mikroorganismen als solche nicht ernst genommen, da man sich ihrer Wirkungen entledigen konnte. Man wußte kaum etwas davon, wie sie ‚es machten‘, ihre pathologischen Effekte anzurichten, und erst recht nicht, wie sie es machten, die ihnen gesetzten Grenzen immer wieder zu überspringen. Erst als die Genetik ihre ‚technische‘ Perspektive gewann und die innermikrobische Aufzucht von Enzymen und Proteinen aller Art anzubieten hatte, wurden die einstigen ‚Bazillen‘ zu Organismen eigenen Anrechts auf ihr Maß an Theorie. Der vom Malariaplasmodium etwa befallene Mensch erschien nun als der bloße >Zwischenwirt< für Wesen von höchster Geschicklichkeit der Selbsterhaltung durch Wandlung ihrer Gestalt und Kunst des Sichverbergens in Unterschlupfen des Wirtskörpers. Langsam konkretisierte sich die neue Artikulation der alten ‚Bazillenfurcht‘, diese Aggressoren könnten vielfältiger im Variantenbild und schneller in der Variantenbildung sein, als der pharmakologische ‚Fortschritt‘ – oder eher: das Schritthalten – sein Repertoire entwickeln könnte. Wie immer in der menschlichen Gemütsverfassung erregte die blanke Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit der Möglichkeiten ‚des Anderen‘ – wie einst der Allmacht- ein angsterfülltes Heilsbedürfnis. Man mußte sich ‚ganz allgemein‘ auf Alles vorbereiten, nicht erst auf den sich spezifizierenden Feind, und das tat man am ehesten durch eine Art Mitspielen mit der ‚Natur‘, durch die Magie des Biotischen in allen von Findigen erdachten Formen der ebenso unbestimmten Stärkungen und Übergesundungen.

Erst recht aber lag hier eine Wurzel der Angst, in diese ohnehin schon unfaßbare und eben doch ‚unausrottbare‘ Unterwelt – die sich am ehesten versöhnen ließ durch Inruhelassen – mit Manipulationen einzugreifen. Was mochte aus den Unendlichkeiten dieses Potentials schließlich herauszuholen und eines Tages in den Verschleusungen der Labors nicht mehr zu halten sein! Aus dem einstigen Schrecken des Unsichtbaren war der des Ungreifbaren geworden, das sehr wohl begreiflich erschien, doch im Maße des ernstnehmenden Begreifens jeden Gedanken an Überwindung, an die vormalige ‚Ausrottung‘, zur Lächerlichkeit verwarf. Dieser Heilsweg war versperrt, und es wirkten nicht so sehr seriös die Verkünder der Neben- und Schleichwege zum Heil: die Versöhner mit der Natur, die sie heilen zu lassen schon in Berufsschildern zu ‚Erfahren‘ erklärten. Wer wäre nicht geneigt zu sagen: Gott geb’s (ihnen)!

Die Seelennöte in solcher Gesamtlage des menschlichen Naturverhältnisses erscheinen groß genug, um nicht viel an Aufmerksamkeit für den ‚Nachgedanken‘ erwarten zu dürfen, daß mit der Finalvorstellung der ‚Ausrottungen‘ des Endemischen wie Epidemischen auch eine der ‚absoluten Metaphern‘ der Epoche ihren Boden und ihre analogische Plausibilität verloren hat. Man versäume doch nicht, einen letzten Blick zu werfen auf den praktizierenden Exponenten jener aussterbenden Metapher: auf Hitler. Er war nicht nur die Verkörperung der ‚Bazillenfurcht‘ als dadurch individuell ‚Beschäftigter‘, als der etwa von bakteriell erzeugten Darmgasen Geblähte und vor ihrem akustischen Stigma zu allen Mitteln Greifende und für jeden Scharlatan Disponierte, dem zudem das magische Machtinstrument seiner Stimme täglich durch Infektion zu versagen drohte – er war über all diese ‚Realien‘ und ‚lrrealien‘ hinaus von der idee fixe einer Infektion des Blutes besessen, einer so lebensvergiftenden Infiltration des vermeintlich ihm zur Rettung übergebenen Volkes, daß nur die Grenzidee der Hygiene Heilung bringen konnte: die der ‚Ausrottung‘ des lnfektors. Auf dem Nährboden der Halbbildung des Monokraten schoß diese Heilpraktikeridee auf zu dem tödlichen Unwesen, das in ihrem Keim doch unvermutbar geblieben war.

 

In: Begriffe in Geschichten, Frankfurt a.M. 1998, S. 93-95.