Hans-Blumenberg-Gesellschaft

CfP: Hans Blumenberg: Neue Zugänge zum Werk. Internationales Symposion am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) in Berlin vom 10.–12. Oktober 2019

In den letzten Jahren hat das Interesse an Hans Blumenberg im In- und Ausland stark zugenommen. Neben die ältere Generation derjenigen, die den 1996 verstorbenen Philosophen noch persönlich gekannt oder gehört haben, ist eine jüngere getreten, die sich sein Werk unter neuen Voraussetzungen aneignet. Zahlreiche Nachlasspublikationen fördern neues Material zutage. Eine steigende Anzahl von Tagungen und Workshops bezeugt die Internationalisierung seiner Rezeption ebenso wie rege Übersetzungstätigkeit in eine Vielzahl von Sprachen. Eine Gesamtausgabe fehlt noch, aber ein derzeit in Arbeit befindliches Handbuch (hg. von R. Zill u.a.) besiegelt Blumenbergs Status als moderner Klassiker. Die kanonischen Fragen, die die Forschung lange bewegt und oft auch gespalten haben – etwa Verhältnis und Gewichtung von Metaphorologie, Phänomenologie, Rhetorik und Anthropologie – bleiben weiterhin dringlich und ungelöst. Aber sie sind um neue Perspektiven und Zugänge aus verschiedenen Disziplinen bereichert worden. Ältere und neuere Forschung in einen Dialog zu bringen und neue Perspektiven auf Blumenberg heute auszuloten, ist das Anliegen dieses Symposions, das vom Zentrum für Literatur- und Kulturforschung ausgerichtet wird.

Blumenberg gehört in eine Reihe Intellektueller, die das Profil des ZfL bis heute prägen. Dazu zählten in der Vergangenheit insbesondere Aby Warburg, Walter Benjamin, Gershom Scholem, Jacob und Susan Taubes und Hannah Arendt. Mit dem Blumenberg-Symposion über „Neue Zugänge zum Werk“ möchte das ZfL diese Tradition fortsetzen, erneuern und, seinem Verständnis als Impulsgeber entsprechend, ein Forum für die international, über Generationen und disziplinäre Fragestellungen hinweg zu vernetzende Erforschung dieses Autors sein. Die drei seit 2015 etablierten Forschungsschwerpunkte des ZfL lassen sich für dieses Anliegen fruchtbar machen und wurden daher als Organisationsprinzip der Vorträge gewählt. Die drei Sektionstitel Theoriegeschichte, Weltliteratur und Lebenswissen sind dabei heuristisch als mögliche Zugänge zu Blumenbergs Werk zu verstehen.

Unter dem Oberbegriff Theoriegeschichte lässt sich mit Blumenberg grundsätzlich fragen, ob man einen so unscharfen Gegenstand wie ‚Theorie‘ isolieren und historisieren kann. Am Autor einer „Urgeschichte der Theorie“ ist das spannungsreiche Widerspiel von Philosophie, Geschichte und Theorie zu erproben. Welchen Traditionslinien ist Blumenberg zuzuordnen, welche hat er initiiert? Lässt sich Blumenberg, der sich zur eigenen Zeitgeschichte (etwa 1968) eher zurückhaltend und sparsam geäußert hat, auf Auseinandersetzungen der Gegenwart beziehen? Gib es in Zeiten von Migration und Digitalisierung noch Neues zu entdecken beim alteuropäischen Gelehrten? Gibt es eine Ästhetik Blumenbergs? Eine Sprachtheorie? Wohin deutet die gegenwärtige Rezeption des streitbaren Theoretikers der Selbstbehauptung der Moderne und des Fortlebens des Mythos?

Mit der Sektion Weltliteratur wird dem Umstand Rechnung getragen, dass Literatur für Blumenberg nicht nur Quellenmaterial war, sondern auch ein Gegenstand seines Nachdenkens und eine heute zusehends mehr Beachtung findende Dimension seiner eigenen schriftstellerischen Praxis. Wie verhalten sich die unterschiedlichen Formate zu einander: „Problemkrimis“ (O. Marquard) wie die Genesis der kopernikanischen Welt etwa und die Miniaturen der Begriffe in Geschichten? Wie hängen die welterschließenden Potentiale, die Blumenberg literarischen Gattungen wie Roman und Anekdote zugesprochen hat, mit seiner Kritik an der Säkularisierungsthese und seiner modernitätstheoretischen Diagnose zusammen, dass es nicht mehr nur eine, sondern viele Welten gibt?

Lebenswissen knüpft an die starke Bedeutung der Anthropologie vor allem im Spätwerk an, schließt jedoch weitergehende Fragen ein: Bietet die Leistung der Metapher als „Modell in pragmatischer Funktion“ nicht nur theoretische, sondern auch ethische Orientierung? Ist bei Blumenberg, der Glück aus der Philosophie ausschließen wollte, gleichwohl eine (Proto-)Ethik zu entdecken? Fällt der Prozess der Technisierung mit dem Projekt der Moderne zusammen, und wie ist dieser Prozess zu interpretieren? Wie ist Blumenbergs ‚rationale‘ Affirmation der Technik als notwendiges Instrument menschlicher Selbstbehauptung im Zeitalter des Anthropozäns zu bewerten?

Im vergangenen Jahr wurde in Berlin die internationale Hans Blumenberg-Gesellschaft e.V. gegründet, die ihre erste Mitgliederversammlung im Rahmen des Symposions abhalten wird. Auch das Kuratorium der Blumenberg-Gesellschaft wird sich bei dieser Gelegenheit versammeln. Die Mitgliedschaft kann hier beantragt werden. Wir freuen uns sehr, dass Bettina Blumenberg, die dem Vorstand der Gesellschaft angehört, anwesend sein und die Mitgliederversammlung leiten wird. Und wir freuen uns überdies, dass Manfred Sommer sich bereit erklärt hat, den Eröffnungsvortrag zu halten.

Vorgesehen sind Vorträge und Referate von nicht mehr als 30 Minuten Länge. Konferenzsprachen sind Englisch und Deutsch.

Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge mit Titel, kurzem Abstract und Angabe der bevorzugten Sektion, um die wir bis zum 1.12.2018 an sekretariat@zfl-berlin.org bitten. Wir melden uns bis zum 7.1.2019 zurück.

Eva Geulen, Daniel Weidner und Hannes Bajohr

(English version)

Filmstart: Hans Blumenberg. Der unsichtbare Philosoph (22.11.2018)

Hans Blumenberg
 
Ein Film von Christoph Rüter
 
Deutschland 2018 – 102 min – DF
 
Kinostart: 22.11.2018

 

Hans Blumenberg war und ist einer der einflussreichsten deutschen Philosophen der Nachkriegszeit. Sein Thema ist der Mensch, der über die Jahrhunderte hinweg um seine Selbstbehauptung gegen den Absolutismus der Wirklichkeit kämpft. Das Instrument dafür ist sein Denken, das er als Nachdenklichkeit versteht, das innehält und sich seiner selbst bewusst wird, Umwege zulässt, Distanz zum Übermächtigen schafft. Diesen Vorgang nennt Blumenberg das „Abenteuer des Denkens“.

Drei Spurensucher reisen in Christoph Rüters Film in einem Bus quer durch Deutschland, um sich von dem Philosophen Hans Blumenberg ein Bild zu machen. Sie sprechen mit Menschen, die ihn gekannt haben, diskutieren seine Gedanken. Ausgangspunkt ist Blumenbergs Heimatstadt Lübeck, von hier folgen die Drei dem langen Weg seines Lebens und Denkens. Er führt sie über Münster, Heidelberg, Marbach, Stuttgart, München bis nach Zürich. An all diesen Orten kommen Zeugen zu Wort, die Blumenberg noch gekannt haben, die von seinem Charakter und seiner unglaublichen Präsenz berichten.

Mit Burkhard Lütke Schwienhorst, Klaus Schölzel, Dr. Rüdiger Zill


Mehr Infos, Spieltermine und Material zum Film unter:
http://www.realfictionfilme.de/filme/hans-blumenberg/index.php?id=131

Trailer unter:
https://youtu.be/Av2hDc2QoTY

Leistungsbeschreibung. Literarische Strategien bei Hans Blumenberg (Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, 14-16. Juni 2018)

In den Forschungen zum umfangreichen Werk Hans Blumenbergs wird in der Regel seine enge Zugehörigkeit zur Phänomenologie übersehen. Aus dieser Zugehörigkeit folgen jedoch zwei zentrale Aspekte des Werkes: Es thematisiert kulturelle Leistungen, insbesondere solche eines anthropologisch ‚geerdeten‘ Bewusstseins, und es wählt dafür das Verfahren, um nicht zu sagen: die Methode, der Beschreibung. Während die Frage nach kulturellen Leistungen mit Bezug auf Debatten über das Anthropozän an aktueller Resonanz gewinnt, lässt sich der Beschreibungsimperativ mit rezenten kulturwissenschaftlichen Diskussionen zur Praxeologie in Verbindung bringen. Der Zusammenhang von Gegenstand (Leistungen) und Methode (Beschreibung) wird bei Blumenberg weitgehend als fraglos und gleichsam naturgegeben gedacht – er bleibt als solcher unthematisch. Für einen Phänomenologen, der Selbstverständlichkeiten nicht hinzunehmen, sondern aufzuklären hat, ist das nachgerade skandalös – für einen Wissenschaftler außerhalb der Phänomenologie ist Beschreibung – vor allem im Bereich der Unbegrifflichkeit – indiskutabel, weil ‚bloße Literatur‘.

Hier setzt die Tagung an. Sie fragt nach dem Zusammenhang von kulturellen Leistungen und ihrer Beschreibung in Blumenbergs Werk. Insbesondere will sie wissen, wie genau – bis in die rhetorisch-stilistische Faktur hinein – sich die Schreibverfahren dieses Autors den jeweiligen Gegenständen seiner Texte ‚anschmiegen‘, welche Formen von Literarisierung sich dabei – entgegen einer weit verbreiteten philosophischen Nüchternheitsmaxime – beobachten lassen, inwiefern sich die Vielfalt der von Blumenberg eingesetzten Textsorten (Aufsatz, Abhandlung, Lexikonartikel, Essay, Anekdote, Fabel, etc.) als Ausdifferenzierung des ausgesprochen proteischen Sprechaktes ‚Beschreibung‘ verstehen lässt (und inwiefern auch gerade nicht!) und welche (z.B. darstellungstechnische, wirkungsästhetische oder marktstrategische) Motivationen sich hinter der Literarisierung des Beschreibens verbergen.

Organisiert von: Prof. Dr. Ulrich Breuer (ulrich.breuer@uni-mainz.de) bzw. Dr. Timothy Attanucci (tattanuc@uni-mainz.de)

 

Hans Blumenberg and the Theory of Political Myth (Queen Mary, University of London, 17. März 2018)

In recent years, the phenomenon of political myth has attracted increasing scholarly attention. In its wake, the concept of political myth has begun to establish itself as a relevant concept of political theory. The increasing interest in political myth seems to be related to the rapidly changing landscape of contemporary politics. Especially in the context of political rhetoric, identity politics and collective action, the theory of political myth has often proved to be a vital source of fresh and illuminating insights.

 

see: https://modernlanguages.sas.ac.uk/events/event/15000